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Die Ziegelei

Vorgeschichte

Im März 1993 überschwemmte eine Lawine aus Schlamm und Geröll das Dorf Tingo, etwa 35km von Chacha entfernt. Da die Menschen von dem bevorstehenden Unglück gewarnt waren, waren keine Opfer zu beklagen, aber die meisten Bewohner verloren buchstäblich alles. Es wurde sofort an Wiederaufbau gedacht, aber das enge Seitentälchen des Utcubambaflusses sollte verlassen und das Dorf an neuer, sicherer Stelle wieder aufgebaut werden. Ein Platz war schnell gefunden, etwa 100 Höhenmeter weiter oben, an der Strasse nach Kuelap gab es eine ebene, gross genuge Fläche. Neben vielen anderen Stellen wurde auch die Alianza um Hilfe angegangen. Der französiche Architekt Bernard hat buchstäblich auf dem Reissbrett ein neues Dorf entworfen, mit zentralem Platz, Kirche, Schule, Rathaus und Bauplätzen für die Bewohner. Dies hat die Menschen begeistert und den Willen zum Aufbau mobilisiert. Die Alianza hat mitgeholfen.

Die grosse Frage war, ein geeignetes Material für die Dacheindeckung zu finden, besonders der öffentlichen Gebäude. Wellblech kam wegen der schlechten Qualität und Eigenschaften nicht in frage, Eternitplatten waren zu teuer, traditionelle Tonziegel in der Menge fast nicht zu beschaffen, weil sie in Handarbeit hergestellt werden, die Qualität lässt auch zu wünschen übrig.

Bei einer Reise nach Ecuador stiess Bernard auf neuartige Betonziegel. Durch Nachfragen und Nachforschen konnte er in Erfahrung bringen, dass diese auch in Peru hergestellt werden, ja dass es da ein Netzwerk von Herstellern gebe.

Die Anfänge

Besuche bei peruanischen Herstellern und der Zentrale des Netzwerkes in Lima brachten mehr Licht in die Sache: Bei den in Ecuador gesehenen Dachziegeln handelt es sich um sog. „verdichtete Mikrozement-Ziegel“. Diese Technik wurde von Entwicklungsorganisationen eingeführt und hat zum Ziel, Kleinbetrieben in Entwicklungsländern ein Auskommen mit der lokalen Herstellung und dem Verkauf dieser mit „angepasster Technologie“ hergestellten Dachziegel zu schaffen. Man kann diese Ziegel in der gleichen Form in Asien, Afrika und Lateinamerika vorfinden.

So entstand die Idee: In Chachapoyas sollte so eine Ziegelei aufgebaut werden. Nicht nur der Bedarf in Tingo sollte so gedeckt werden, sicherlich würde das Produkt auf mehr Interessenten stossen. Bischof Paco stellte spontan Gelände der Diözese für den Bau der Werkstätten zur Verfügung, der „Eine Welt Kreis“ aus Rottweil übernahm die Finanzierung des Baus.

Die Gebäude wurden in Adobebauweise (das sind luftgetrocknete Lehmblocks) errichtet, die aus vor Ort anfallender Erde hergestellt wurden. Dies trägt dem Anspruch des „alternativen Bauens“ rechnung, zu dem die Ziegel ja auch gezählt werden. Die Dächer wurden zunächst mit gebrauchten Wellblechplatten gedeckt. Auch Strom und Wasser mussten aufwändig installiert werden, da zu der Zeit das Gelände noch nicht angeschlossen war.

Neben Kunstofformen für die Produktion wurden Rütteltische als einzige „Maschinen“ beschafft. Ein Ziegelunternehmer aus Cusco konnte für erste Produktionsversuche gewonnen werden. Dabei galt es, das richtige Mischungsverhältnis von Zement und Zuschlägen herauszufinden und die angestellten Arbeiter anzulernen. Was sind denn eigentlich genau „verdichtete Mikrozement-Ziegel“?

Eigentlich steckts in der Bezeichnung schon mit drin: Es handelt sich um Dachziegel auf Zementbasis, also aus Beton, welchen mittels verdichten durch Vibration eine grössere Resistenz gegeben wird. Neben Zement kommen Sand und Splitt einer gewissen Körnung zum Einsatz. Auch die Wassermenge ist genau vorgegeben, um einerzeits die ideale Plastizität bei der Verarbeitung sowohl andererseits ein korrektes Abbinden des Zements zu gewährleisten. Durch Zugabe von Pigmenten (synthetisches Eisenoxyd) wird die charakteristische Ziegelfarbe erreicht.

Die Produktion

Auf dem Gelände der Ziegelei gibt es eine Sandgrube, die für die Ziegelproduktion ausgebeutet wird. Der Split wird zugekauft und gesiebt. Zement liefert ein örtlicher Baustoffhändler, die Pigmente werden direkt beim Grosshändler in Lima gekauft. Die Mischung wird nach Volumen bemessen und von Hand umgeschaufelt.

Die Betonmischung wird auf einer Plastikfolie auf dem Rütteltisch in Metallrahmen auf eine Plastikfolie aufgebracht und gerüttelt. Die Vibration wird mittels eines kleinen Elekromotors und eines Exzenters erzeugt, dadurch werden eingeschlossene Luftblasen entfernt und das Material verdichtet. Der Metallrahmen ergibt Masse des Ziegels, es wird auch die sog. „Nase“, die es ermöglicht den Ziegel in die Lattung zu hängen, aus Beton mit eingearbeitet. Nach hochklappen des Metallrahmens wird er Ziegel samt Platikfolie über eine Kunstofform gezogen, die die charakteristische Wellenform ergibt.

In den aufgestapelten Formen härtet der Ziegel 24 Stunden aus und wird dann entnommen, die Folie abgezogen und gewaschen. Die Ziegel werden in einen Abbindetank gestapelt, wo Feuchtigkeit dafür sorgt, das für den Abbindevorgang nötige und bereits in die Mischung eingebrachte Wasser nicht verdunsten zu lassen.

Nach einer Woche im Abbindetank werden die Ziegel in ein Zwischenlager gestapelt, wo der Abbindevorgang noch weitergeht. Nach drei Wochen werden Qualitätstests gemacht: Von einer Tagesproduktion werden drei Ziegel entnommen und einem Stoss- Bruch- und Wasserdurchlässigkeitstest unterzogen, sowie auf Gewicht und Masshaltigkeit geprüft. Darüber wird, wie über alle Produktionsdaten, genau Buch geführt. Nach bestandenem Test werden die Ziegel zum Verkauf freigegeben. Die derzeit 9 Arbeiter stellen wöchentlich etwa 4000 Ziegel her, das sind 320m2.

Der Produktionsablauf ist auf viel Handarbeit bei geringer Investition in Maschinen ausgelegt, um so möglichst viele Arbeitsplätze bei geringem Kapitaleinsatz zu schaffen.

Um eine Akzeptanz des hier neuartigen Produktes zu erreichen, werden Kunden und ausführende Handwerker intensiv beraten und betreut. Kostenvoranschläge, sowie Pläne und Holzlisten werden kostenlos erstellt, vor Ort werden die Ausführung mit den Handwerkern besprochen, evtl. wird auch ein Mann der Ziegelei als Helfer abgestellt. Nur eine exakte Ausführung des Dachstuhls ermöglicht eine saubere (und dichte) Deckung mit den Ziegeln. Eventuell auftretende Probleme würden auf die Ziegel, und nicht auf den Dachstuhl geschoben und unser Produkt in Misskredit bringen.

Die Ziele des Projekts

Verschiedene Aspekte sind bei der Einrichtung des Ziegeleiprojekts berücksichtigt worden:

Das Material, also die Ziegel selbst, bieten gegenüber den herkömmlichen Materialen wie Wellblech, Tonziegeln, Zementfaserplatten (Eternit) verschiedene Vorteile: Die Haltbarkeit und thermischen Eigenschaften gegenüber Wellblech ist wesentlich besser, es handelt sich um ein lokal hergestelltes Produkt, das einen Mehrwert in der Region erwirtschaftet, der Preis ist attraktiv und auch für (hier verbreitete) schmale Geldbeutel erschwinglich. Nicht zuletzt sind die Dächer einfach schön. Es werden Arbeitsplätze geschaffen und ein Beispiel für gesundes Kleinunternehmertum gegeben.

Die Ziegelei heute

Seit Bernard Gueblez 2000 nach Frankreich zurückgekehrt ist, leiten Michael Rebholz und Andreas Haag die Ziegelei. Dabei übernimmt Michael mehr die administrativen Aufgaben, während Andreas sich um die technische Seite kümmert. Dazu gehört auch die Betreuung der Kunden, mit dem erstellen von Kostenvoranschlägen sowie Plänen der Dachstühle. Heute kümmert sich Andreas um alle Belange.

Die Ziegelei arbeitet heute kostendeckend, darin sind neben Lohn-und Materialkosten auch der Unterhalt der Gebäude und Geräte berücksichtigt. Ein Gewinn ist nicht angestrebt, damit wird der Anforderung, ein Sozialprojekt zu sein, Rechnung getragen.

Alle Arbeiter haben geregelte Arbeitsverträge bei Bezahlung über dem Mindestlohn und sind Nutznießer der gesetzmäßigen Sozialleistungen wie Versicherungen, Anspruch auf Abfindung, Urlaub und der Zahlung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Auch in diesem Sinne übernimmt die Ziegelei eine Vorreiterrolle in der „Unternehmerwelt“ von Chachapoyas. Das Unternehmen ist als privatwirtschaftlicher Betrieb angemeldet.Seit 2000 wurden jährlich etwa 160 000 Ziegel (oder 12 800m2) hergestellt und verkauft.Zu den Kunden zählen neben kirchlichen Projekten vor allem auch bürgerliche Gemeinden, Einrichtungen wie die Universität und zahlreiche private Bauherren.

Aktuell wird es immer schwierieger, unsere Ziegel an den Mann zu bringen. Neue Produkte auf dem Markt, vor allem Kunstoff- oder Zementfaserplatten sind ernsthafte Konkurrenz. Korruption im öffentlichen Bausektor und Geldmangel bei Privatleuten lassen immer mehr Bauherren auf billige, aber auch qualitativ Mangelhafte, Alternativen zurückgreifen. Letzlich ist der Preis entscheidend, nicht die Haltbarkeit des Produktes. Hoffung gibt allerdings, dass vermehrt Kunden gerade darauf achten. Besonders im Tourismussektor wird auf Qualität und Ästhetik geachtet. Wir haben schon mehrere Beherbergungsbetriebe mit unseren Ziegeln eingedeckt. Ferner wurden unsere Ziegel für z. Bsp. die Universität in Chachapoyas und für das Museum in Leymebamba verwendet.

Wir versuchen, den Rückkgang im Verkaufsvolumen dadurch zu kompensieren, dass wir vermehrt Komplettlösungen anbienten, also Konkret z.b. bei Renovierungen alle Arbeiten anbieten, vom Abbruch des alten Daches, über erreichten des neuen Dachstuhles mit Eindeckung und einziehen von Unterdecken, Renovierung von Putz, Elektroinstallation bis zum Anstrich. Das erfordert allerdings einen hohen zeitlichen Aufwand an Planung und Begleitung seitens von Andreas. Ausserdem werden die Arbeiter der Ziegelei auch für Projekte der Alianza herangezogen. Während des Jahres 2015 werden Renovierungsarbeiten im Alianzahaus mit Personal der Ziegelei durchgeführt.

Es gab auch Versuche, alternative Produkte herzustellen, so haben wir Versuche mit Betonsteinen (Hohlblock) gemacht, diese auch hergestellt z.B. für den Bau von Toilettenanlagen im Haus des Gesundheitsprogrammes „Promotores de Salud“. Wir mussten aber feststellen, dass wir nicht billiger als Konkurrenzprodukte sein können, selbst ohne Gewinne einzufahren, da diese vor allem auf informelle Arbeitskräfte zurückgreifen, also keine Sozialleistungen, Urlaubs- und Weihnachtsgeld usw. bezahlen, ja oft nicht mal als Gewerbe gemeldet sind.

Die Zieglei unterstützt in gewissem Masse auch die Partnerschaft, in dem ein Teil des Taschengeldes von Andreas von der Ziegelei erwirtschaftet wird, ebenso wie der Unterhalt des Alianza-Autos wie Kundendienst, Reifen, Versicherung usw., der alleine im Jahr mit etwa 1200 Euro zu Buche schlägt.

Abfallholz von den Baustellen wird dem Internat der Alianza als Brennstoff zur Verfügung gestellt, die Internatler helfen bei der Aufarbeitung. In einem eigens gebauten Holzherd wird dieses Holz zum kochen verwendet. Das erspart immerhin etwa 100 Euro jährlich an Propangas.

Ausblick

Trotz der Konkurrenz durch Billigmaterial gibt es für unsere Betonziegel durchaus eine Nische, auch wenn eine Expansion nicht zu erwarten ist.

 

Anna Leupold und Anna Born